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Der Bund, 11. Januar
1997
WORB
FL-Wähler am frauenfreundlichsten
Bei den Wahlen in den Grossen Gemeinderat haben die Anhänger
der Freien Liste am frauenfreundlichsten gewählt. Wie eine Analyse des «Bund»
zeigt, kamen Frauen auch bei FWW, CVP, SP und EVP gut weg. Bei den bürgerlichen
Parteien SVP und FDP waren Frauen - zumindest beim Panaschieren - im Nachteil.
RUDOLF BURGER
Wie
Frauen abgeschnitten haben, ist eine Frage, die nach Wahlen auf besonderes
Interesse stösst. In der Regel beschränkt sich die Antwort jedoch lediglich
auf den Blick auf das neugewählte Parlament: In den Worber Grossen Gemeinderat
wurden am 1. Dezember 13 Frauen gewählt. Damit hat sich der Anteil der Frauen
im Vergleich zu 1992 von 20 auf 32,5 Prozent erhöht. Dieses Ergebnis ist aus
der Sicht der Frauen ein Erfolg, allerdings einer, der vor allem auf das
glänzende Abschneiden der SP-Kandidatinnen zurückzuführen ist: Sieben der 12
gewählten Frauen gehörten zur SP, drei zur SVP und je eine zur FDP, CVP und
zur Freien Liste.
Diese Resultate verleiten zur Annahme, dass in Worb vorab die
Anhänger der SP und in zweiter Linie jene der SVP frauenfreundlich wählten.
Eine detaillierte Analyse der Wahlresultate bestätigt diese These nur zum Teil:
Wie frauenfreundlich - oder auch frauenfeindlich - gewählt wurde, kann (weil in
den meisten Parteien zuwenig Frauen nominiert wurden) vor allem an der
Verteilung der Panaschierstimmen abgelesen werden.
FL-Wähler klar vorne
Wenn die Resultate der 38 Kandidatinnen und 90 Kandidaten für
den Worber Grossen Gemeinderat miteinander verglichen werden, ergibt sich ein
überraschendes Ergebnis: Nicht etwa die Wähler der SP stimmten in Worb am
frauenfreundlichsten, sondern jene der Freien Liste: Auf 100 Panaschierstimmen,
die FL-Wähler an Männer abgaben, entfielen 204 auf Frauen, das heisst,
Kandidatinnen wurden doppelt so gut panaschiert wie Kandidaten. Auch von den
Wählern der SP wurden Frauen besser panaschiert als Männer, allerdings nicht
in diesem Ausmass: Von der SP erhielten Frauen im Durchschnitt 128 Prozent der
Panaschierstimmen der Männer.
SVP liegt hinter FDP
In der nebenstehenden Grafik sind die Worber Parteien in der
Reihenfolge ihrer «Frauenfreundlichkeit» beim Panaschieren aufgeführt. Auf
Rang zwei nach FL folgen die Freien Wähler Worb, danach CVP, SP und EVP. Für
die Wähler dieser fünf Parteien liegen die Werte über 100 Prozent - Frauen
wurden also besser panaschiert als Männer.
Von den Wählern der beiden traditionellen bürgerlichen
Parteien wurden Frauen punkto Panaschierstimmen benachteiligt: Die Wähler der
FDP haben an Frauen durchschnittlich nur 72 Prozent des Panaschierstimmenwertes
für Männer abgegeben, bei der SVP waren es sogar nur 48 Prozent. Es
überrascht wohl wenig, dass Frauen von den Wählern der Freiheitspartei am
stärksten benachteiligt wurden, bei der FP erreichten Kandidatinnen
durchschnittlich nur gerade 39 Prozent des Panaschierstimmenwertes der Männer.
Bisherigenbonus abgezogen
Wie üblich bei Parlamentswahlen wurden auch in Worb Bisherige
bevorzugt: Von den 32 Bisherigen unter den Kandidaten wurden 27 wiedergewählt,
was einer Wiederwahlquote von 84 Prozent entspricht. Selbstverständlich wurden
Bisherige auch besser panaschiert als Neukandidierende. Weil 25 der 32
Wiederkandidierenden Männer waren, profitierten vor allem sie vom
Bisherigenbonus. Zusätzlich zu den bisher aufgeführten Zahlen (dunkle Säulen
in der Grafik) ist also auch berechnet worden, wie frauenfreundlich panaschiert
wurde, wenn nur die Neukandidierenden berücksichtigt werden.
Gemäss Grafik (hellblaue Säulen) werden die Resultate für
Frauen bei den meisten Parteien besser: Der Wert von 289 Prozent für die
Wähler der FL zeigt, dass sie neu kandidierende Frauen sogar dreimal besser
panaschiert haben als neu kandidierende Männer, die Zahlen für FWW und CVP
(212% bzw. 204%) bedeuten, dass neue Kandidatinnen von den Anhängern dieser
Parteien etwa doppelt so viele Stimmen erhalten haben wie neue Kandidaten.
Umgekehrt war es bei FDP, EDU und FP: Von ihren Wählern wurden
neu kandidierende Frauen noch etwas krasser benachteiligt als alle Kandidatinnen
insgesamt. Insbesondere bei der FDP hat dies damit zu tun, dass ihre Wähler die
drei wiederkandidierenden Frauen der SVP, Therese Bernhard, Verena Schneider und
Ingeborg Stahel, gut panaschierten.
Das Phänomen SVP-Wähler
Paradox scheinen die Ergebnisse vor allem für die SVP: Die
Wähler der Partei, die immerhin drei Frauen in den Grossen Gemeinderat brachte,
erwiesen sich beim Panaschieren ganz und gar nicht als frauenfreundlich; die
Kandidatinnen der andern Parteien erhielten von den SVP-Wählern im Durchschnitt
nur etwa die Hälfte der Panaschierstimmenwerte der Kandidaten.
Offensichtlich war also die Frauenfreundlichkeit der SVP-Wähler
auf die Kandidatinnen der eigenen Partei beschränkt. Allerdings haben die vier
SVP-Kandidatinnen parteiintern nicht ganz so gut abgeschnitten, wie der Blick
auf ihre Gesamtstimmenzahl vermuten lässt: Therese Bernhard, welche die
Rangliste der SVP mit 32 Stimmen Vorsprung auf Erwin Flückiger anführt, wurde
in der parteiinternen Ausmarchung von Fritz Stettler um eine Stimme geschlagen
(Stettler 1206 SVP-Stimmen, Bernhard 1205). Verena Schneider, die nach ihrer
Gesamtstimmenzahl innerhalb der SVP den fünften Platz belegt, kommt nach
SVP-Stimmen bloss auf Rang acht. Bernhard wie Schneider verdanken ihre guten
Ränge nach Gesamtstimmenzahlen also zum Teil ihren ansehnlichen
Panaschierstimmenzahlen (vgl. dazu den Artikel unten).
SP-Frauen intern im Nachteil
Es wäre reizvoll, zusätzlich zur Verteilung der
Panaschierstimmen zu untersuchen, wie Frauen parteiintern abgeschnitten haben.
Nur bei der SP, die je zehn Frauen und Männer nominierte, ist jedoch die
Kandidatinnenzahl für derartige Berechnungen gross genug. Dabei zeigt sich,
dass die SP-Wähler parteiintern weniger frauenfreundlich sind als beim
Panaschieren: Auf veränderten SP-Listen haben die 10 sozialdemokratischen
Kandidatinnen nur 91 Prozent der Stimmen der Männer erhalten.
Allerdings waren die zehn SP-Frauen benachteiligt, weil nur zwei
von ihnen (Lilo Christen und Christina Schilt) schon Parlamentserfahrungen
hatten und bei der Wahl vom Bisherigenbonus profitieren konnten. Werden alle
bisherigen Frauen und Männer ausgeschlossen, verschiebt sich das Bild auf die
andere Seite: Die neu kandidierenden SP-Frauen kamen parteiintern auf 105
Prozent der Stimmen der neu kandidierenden Männer.
Die Daten
bur. Wahlen nach dem schweizerischen Proporzsystem sind relativ
kompliziert, liefern aber über die in der Regel zunächst interessierenden
Themen «Parteistärken» und «Gewählte und Nichtgewählte» hinaus eine
Fülle von weiteren Daten. Besonders aufschlussreich sind dabei
Panaschierstimmen: Sie geben Aufschluss über parteipolitische Verhältnisse und
die Popularität von Kandidaten. Panaschierstimmen ermöglichen zudem auch bei
relativ geringen Kandidatenzahlen (wie in Worb) detaillierte Analysen zur Frage,
ob und wie stark Frauen bei Wahlen bevorzugt oder benachteiligt wurden.
Parteidisziplin: SP vor CVP
bur.
Wer panaschiert, schadet der Partei, weil diese Stimmen dem Konto der
Empfängerpartei gutgeschrieben werden. Aus diesem Grund bemühen sich die
meisten Parteien darum, ihre Wähler vom Panaschieren abzuhalten.
Am besten ist dies bei den Worber Parlamentswahlen der SP und
der CVP gelungen: Ihre Wähler gaben je Liste durchschnittlich nur 2.6
Panaschierstimmen ab. Wie die nebenstehende Tabelle zeigt, war auch bei EVP und
SVP die Parteidisziplin gut (je 2.9 Stimmen). Etwas mehr panaschiert wurde von
den Wählern der FDP (3.6 Stimmen). Es überrascht wohl kaum, dass bei den
Freien WähIern und der Freien Liste viel panaschiert wurde und diese beiden
Parteien in dieser Rangliste nach Parteidisziplin die letzten Plätze belegen.
SPITZENKANDIDATEN
Heinz Neuenschwander war der Populärste
Nach Panaschierstimmenzahlen, dem besten
Popularitätsmassstab, liegt Heinz Neuenschwander (fdp) klar vorne. Unter den 20
Besten sind sieben der neun Parteien vertreten. Therese Bernhard (svp), die
bestplazierte Frau, liegt auf dem zweiten Rang.
bur.
Wer war bei den Worber Wahlen in den Grossen Gemeinderat der populärste
Kandidat? Falsch wäre es, diese Frage nach den Gesamtstimmenzahlen der 128
Kandidaten zu beantworten: Das Proporzwahlsystem sorgt nämlich dafür, dass die
Kandidaten der stärksten Partei einen Vorsprung erhalten. So hat in Worb auch
der als 13. gewählte Sozialdemokrat Alfred Forster mehr Stimmen erhalten (1714)
als die bestgewählte bürgerliche Kandidatin, Therese Bernhard (svp, 1585
Stimmen).
Panaschierstimmen, die vom Wähler handschriftlich auf die
Listen geschrieben werden, eignen sich als Popularitätsmassstab viel besser.
Damit dabei aber die Kandidaten grösserer Parteien nicht benachteiligt werden
(weil ihnen eine geringere Anzahl potentieller Panaschierstimmenlieferanten
gegenübersteht) wird in der nebenstehenden Tabelle angegeben, wie viele
Panaschierstimmen die 20 Worber Spitzenkandidaten auf 1000 (parteifremden)
Listen erhalten haben.
Neuenschwander klar vorne
Klarer Spitzenreiter unter den 138 Kandidaten für den Worber
Grossen Gemeinderat war Heinz Neuenschwander (fdp), der zum zweiten Mal nach
1982 auch in den Gemeinderat gewählt wurde. Neuenschwander hat auf 1000 Listen
durchschnittlich 165 Panaschierstimmen erhalten. Das bedeutet, dass er nicht
ganz von jedem zweiten Wähler panaschiert wurde.
Auf den Platzen zwei und drei folgen mit Therese Bernhard und
Erwin Flückiger zwei Kandidaten der SVP, auf Platz vier Marianne Morgenthaler
von der Freien Liste. Auf Platz fünf liegt Peter Hubacher (svp), der als
Gemeinderat wiedergewählt wurde. In seinem Fall hat sich die Absicht der
Partei, ihn als Stimmenfänger einzusetzen, offenbar bewährt. Die andern
Gemeinderäte, die von ihren Parteien zu diesem Zweck auch als Kandidaten für
den Grossen Gemeinderat nominiert wurden - Manfred Lehmann (svp), Jakob
Kirchmeier (fdp) und Anneke Ramseier (sp) haben bedeutend weniger
Panaschierstimmen gesammelt.
Die meisten Parteien dabei
Christoph Lerch, der bestplazierte Sozialdemokrat, kommt auf
Rang 6. Ein Indiz dafür dass Panaschierstimmen ungeachtet der Parteistärke die
Popularität messen, ist die Tatsache, dass mit Ausnahme der Freiheitspartei und
der EDU alle übrigen sieben Worber Parteien vertreten sind: Sechs der 20
Spitzenkandidaten gehören der SVP an, fünf der SVP, je drei der FDP und der
FWW, zwei der Freien Liste und eine Kandidatin der CVP.
Wie sehr der Bisherigenbonus in diesen Wahlen spielte, zeigt
auch diese Rangliste: Unter den 20 Kandidaten sind nur drei (Rudolf Stoos, fww,
Esther Friedli, cvp, und Rudolf Killias, fdp), die in der letzten
Legislaturperiode nicht dem Parlament oder dem Gemeinderat angehörten.
Fünf der 20 Spitzenkandidaten (d. h. 25 Prozent) sind Frauen.
Das entspricht zwar nicht ganz dem Frauenanteil unter allen Kandidaten (30
Prozent), aber innerhalb der 20 Spitzenkandidaten sind die Frauen mit den
Rängen 2, 4, 11 ,13 und 14 nicht schlecht plaziert.
Ein Nichtgewählter
Überraschend ist vielleicht, dass die Freien Wähler, die in
diesen Wahlen nicht gerade ein Glanzergebnis erzielten und einen ihrer bisher
drei Sitze verloren, in dieser Rangliste dennoch mit drei Kandidaten vertreten
sind. Jürg Bichsel auf Rang 12 ist denn auch der einzige der 20, dem der
Wahlerfolg versagt blieb. Von den übrigen 19 wurden drei (Heinz Neuenschwander,
fdp, Peter Hubacher, svp, und Werner Lüthi, sp) in den Gemeinderat gewählt.
Bichsel kann sich damit trösten, dass er ein gutes persönliches Ergebnis
erzielte und sein Misserfolg also auf die Schwäche seiner Partei
zurückzuführen ist.
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