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Der Bund, 8. Mai
1998
WORB
«Natürliche Unordnung ist wichtig»
Morgen früh wird der neue Naturlehrpfad eingeweiht: Der
Naturschutzbeauftragte Martin Müller führt durch die Flora und Fauna in
der ehemaligen Baugrube, wo heute das Guggerseeli liegt. Beim Schulhaus
informieren Fachleute Zum Thema Natur.
KATRIN HAFNER
Die
farbigen Plakate, die seit Tagen in Worb hängen, bringen das Anliegen
Martin Müllers auf den Punkt: «Mut zur Natur», heisst es in grossen
Lettern. Müller, Naturschutzbeauftragter der Gemeinde, ist Organisator
und Leiter des Projekts Naturlehrpfad. Morgen findet die Eröffnung dieses
Projekts statt: In einer ersten Veranstaltung wird Müller, der
gleichzeitig auch Präsident des Berner Vogelschutzverbands ist,
Interessierte auf einer ornithologischen Exkursion durch das
Naturschutzgebiet Rüfenacht Moos begleiten.
Aus Baugrube entstand Seeli
In den 50er Jahren hätte das Rüfenacht Moos urbanisiert
werden sollen. Später, in den 70er Jahren, wollte der Besitzer des
Gebiets, Walther Gugger, auf dem Areal eine Werkhalle bauen lassen. Aus
diesem Vorhaben wurde nichts - dafür entstand in der Baugrube ein Seeli,
eben das Guggerseeli, das seinen Namen dem Besitzer des Gebiets verdankt.
Auf der Schuttdeponie haben sich mit der Zeit Pflanzen und
Tiere angesiedelt. Für den Schutz dieses Naturgebiets setzt sich die
Interessengemeinschaft Guggerseeli ein. Nachdem festgestellt worden war,
dass seltene Tier- und Pflanzenarten im Gebiet leben, wurde das Rüfenacht
Moos vor neun Jahren schliesslich definitiv unter Naturschutz gestellt.
Grosses Übel: Goldfische
Wer heute durch das Naturschutzgebiet spaziert, ist
umgeben von seltenen Pflanzensorten und entdeckt hier und dort Tiere -
Insekten, Amphibien, Ringelnattern, Vögel und Wiesel. Nicht alles, was
spriesst und gedeiht, ist jedoch willkommen: «Exotische Pflanzen - die
asiatische Riesenkerbel zum Beispiel - zerstören zum Teil den Lebensraum
anderer Pflanzen», sagt Müller. «Solche Konkurrenzpflanzen» müssten
von Zeit zu Zeit vernichtet werden, damit eine Vielfalt bestehenbleiben
könne.
Ein «grosses Übel» seien die Goldfische im Seeli, die
sich schnell vermehren und Amphibienlaich zerstören. «Jemand hat wohl
sein Aquarium geleert», vermutet Müller. Von alleine kämen Goldfische
nämlich nicht in ein solches Gewässer.
Stehenbleiben, hinschauen
Ziel des Projekts Naturlehrpfad und damit auch der
Führung durch das Rüfenacht Moos ist es, «die Leute zu sensibilisieren.
Sie sollen stehenbleiben und hinschauen», sagt der
Naturschutzbeauftragte.
«Reich des Glögglifröschs»
Nebst der Exkursion zum Guggerseeli finden morgen den
ganzen Tag verschiedene Veranstaltungen beim Schulhaus Rüfenacht statt:
Eine Ausstellung über Wildhecken kann besichtigt werden, es wird ein Film
über Natur- und Vogelschutz gezeigt und über das Schulbiotop informiert.
Die Kleinsten können selber einen Nistkasten für Vögel basteln. «So
werden schon Kinder auf die Natur aufmerksam gemacht.»
Auf Anregung des Bundesamtes für Umwelt, Wald und
Landschaft hat sich die Gemeinde Worb entschieden, den ganzen Sommer
hindurch Veranstaltungen zum Thema Naturschutz anzubieten. So leitet
Müller beispielsweise einen Ausflug «ins Reich des Glögglifröschs» in
einem privaten Naturgarten. Im Juni referiert er zum Thema «Naturweg
Rüfenacht - mehr als nur ein Schulweg». Damit möchte er Anregungen
geben, wie in besiedelten Gebieten Naturräume aufgewertet werden können.
Durch bestimmten Gartenbau entstehe für Tiere und Pflanzen neuer
Lebensraum.
Müller betont, eine «natürliche Unordnung» entscheide
über «Sein oder Nichtsein von etlichen Pflanzen und Lebewesen. Wir haben
eine gestörte Beziehung zur Natur, wollen alles ordnen und ,büschele`.
So werden viele natürliche Lebensräume zerstört.»
Auskünfte erteilt die Bauverwaltung Worb, Telefon
839 42 71.
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