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Der Bund, 15. Januar 2001
WORB / BIGLEN
Wo sich die zwei Bache trennen, scheiden sich auch die Geister
WASSERNUTZUNG / Seit fast drei Jahren ist die Wasserverteilung
zwischen Biglenbach und Enggisteinbach neu geregelt. Durch das Bigental fliesst
seither mehr Wasser, der Fischbestand hat sich laut dem Kantonalen
Fischereiinspektorat erholt. Die Kraftwerkbetreiber am Enggisteinbach hingegen
sind unzufrieden: Ihre Stromproduktion ist deutlich gesunken.
URS MANNHART
Das Bigental liegt ruhig da an diesem frostigen Tag
im ersten Monat des Jahres. Ein Graureiher setzt etwas umständlich zur Landung
an, kommt nach verlangsamenden Schritten zum Stillstand und packt seine Flügel
dann eilfertig ins Federkleid, um sie vor der morgendlichen Kälte zu schützen.
Auf dünnen Beinstelzen marschiert er dann langsam dem Ufer des Biglenbachs
entlang. Der Bach entspringt im Nordwesthang der Blasenfluh und sorgt - der
ländlichen Idylle zum Trotz - seit Jahrhunderten für Streit und Ärger.
Ausgangspunkt der Meinungsverschiedenheiten ist
immer der selbe Ort am Rande des Walkringer Mooses: Jene Stelle, an welcher sich
Enggisteinbach und Biglenbach trennen. Seit 650 Jahren wird nämlich, auf einem
alten Handel beruhend, eine konstante Wassermenge aus dem Biglenbach in den
künstlich angelegten Enggisteinbach abgezweigt. Davon profitierten im Laufe der
Geschichte bis zu 42 wasserkraftbetriebene Produktionsstätten zwischen
Enggistein und Worb. An besagter Stelle regelt ein Wehr die Teilung der
Wassermassen. Die Holzladen beim Wehr waren in der Vergangenheit so gestellt,
dass bei niedriger und mittlerer Wasserführung alles Wasser nach Worb floss,
der Biglenbach ging somit leer aus. Auf seinen ersten 500 Metern trocknete er in
der Folge oft aus. Erst das später einmündende «Erigrebli» gab dem
Biglenbach wieder etwas Wasser.
Restwassermenge festgelegt
1992 trat ein neues Gewässerschutzgesetz in
Kraft, das unter anderem die minimale Restwassermenge in Fliessgewässern
festlegt. Auf dieser Grundlage wurde auch die Wasserverteilung zwischen
Biglenbach und Enggisteinbach neu geregelt: Im Mai 1998 wurden die Holzschieber
beim Wehr neu gestellt; der Enggisteinbach muss seither mit weniger Wasser
auskommen. Laut Thomas Vuille, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Kantonalen
Fischereiinspektorat, teilen sich die beiden Bäche heute bei mittlerem
Wasserfluss die Wassermenge im Verhältnis eins zu eins. Steigt der Wasserpegel,
dann fliesst ein grösserer Anteil nach Worb, steigt er weiter über ein
bestimmtes Mass, fliesst wieder mehr Wasser ins Bigental, womit Enggistein und
Worb vor Überschwemmungen bewahrt sind.
Grosse Einbussen
Seit der Enggisteinbach weniger Wasser führt,
herrscht jedoch Unzufriedenheit bei den Betreibern der dortigen Kleinkraftwerke
- zum Beispiel bei Kathrin Aeberhard, die in der Schlossmühle in Worb Strom
für das öffentliche Netz produziert. «Seit der Neuregelung verzeichnet der
turbinenbetriebene Generator Leistungseinbussen von 27 Prozent», sagt Kathrin
Aeberhard. Dies obschon die Anlage seit der Neuregelung mit einem kleineren
Generator arbeitet, der einen besseren Wirkungsgrad aufweist. Bei längerer
Trockenheit kann laut Aeberhard der Generator oft während mehrerer Tage nicht
betrieben werden, weil der Enggisteinbach schlicht nicht genügend Wasser
führt. Das Anrecht auf eine Entschädigung von der Bau-, Verkehrs- und
Energiedirektion (BVE) blieb ihr verwehrt, weil sie zum betreffenden Zeitpunkt
keine Betriebskonzession inne hatte.
«Nie einen Fisch gesehen»
Auch Kurt Schmid, der mit seinem Kleinkraftwerk
in Enggistein Strom für sechs Wohnungen produziert, muss Leistungseinbussen
hinnehmen. Mit «sicher über 15 Prozent» beziffert er seine
Produktionsverluste. Umgerechnet auf Betriebsstunden und den Strompreis
summieren sich diese Verluste bis Ende 2008 - solange läuft seine Konzession
noch - auf 22'400 Franken. Sein Gesuch, diesen Betrag als Entschädigung
einzufordern, wurde von der BVE schon zweimal abgelehnt. Schmid überlegt sich
nun, ob er den Entscheid anfechten will.
Nebst dieser Verärgerung zieht Kurt Schmid auch
in Zweifel, ob die Neuverteilung der Wassermengen unter dem Strich wirklich
etwas gebracht hat. Er sei oft zu Fuss oder mit dem Fahrrad im Bigental
unterwegs, habe aber «noch nie einen Fisch gesehen» dort. Die ökologische
Situation des Biglenbachs habe sich nicht merklich verbessert.
«Effiziente Lösung»
Laut Thomas Vuille bringt die vermehrte
Wasserzufuhr dem Biglenbach aber eine ganze Reihe von Vorteilen, während der
Enggisteinbach gut mit der leicht geringeren Wassermenge auskomme. Der
Biglenbach, «ein gutes Forellengewässer», habe in den Trockenzeiten der
Vergangenheit oft stark gelitten. Mehrere Male hätten Fische gerettet und in
ein anderes Gewässer überführt werden müssen wenn das Wasser knapp geworden
sei. Zudem sei es verschiedentlich zu Vergiftungen gekommen, etwa durch Gülle
oder durch Dieselöl, welche für die Fische infolge der geringen Wasserführung
tödliche Folgen hatten. Dank der grösseren Wassermenge habe sich der
Fischbestand erholt und die Wasserqualität verbessert. Wie Vuille sagte,
mussten seither keine Fische mehr gerettet werden, und Vergiftungen blieben
ebenfalls aus. Vorteile ergeben sich auch für die hölzernen
Bachbettverbauungen weiter unten im Biglenbach: Wenn diese konstant mit Wasser
benetzt sind, werden sie vor dem raschen Zerfall bewahrt.
Geblieben sind dem Biglenbach laut Thomas Vuille
aber die beiden folgenden Probleme: Zum einen bewachsen zu viele Pflanzen den
Bachlauf. Hecken, welche die wachstumsfördernden Sonnenstrahlen abdecken und
heute auf dem Moos noch ganz fehlen, könnten Abhilfe schaffen. Zum andern
verschlammt das Bachbett im flachen Moos weiter, und wird, wie in früheren
Jahren, wieder ausgebaggert werden müssen.
Teich als langfristige Lösung?
BIGLENBACH Die Situation des Biglenbachs hat sich seit
der Neuregelung der Wasserverteilung verbessert (siehe Haupttext). Soll
der Bach allerdings renaturiert werden, so bleibt noch viel zu tun. Ideen
sind vorhanden, wer sie tragen könnte ist noch unklar.
uma. Nur schwerlich lässt sich
übersehen, dass der Biglenbach beim Walkringer Moos früher keinen klaren
Verlauf hatte, sondern einem Sumpf glich. Nach einigen
niederschlagsreichen Tagen bilden sich auf den Feldern auch heute noch
grosse Wasserpfützen, die im leicht abgesenkten Boden zwischen den
Feldwegen gut Platz finden. Verhindern sollten diese Wasseransammlungen
eigentlich die Drainageleitungen, welche während des Zweiten Weltkrieges
verlegt wurden, um das Land der landwirtschaftlichen Nutzung zugänglich
zu machen. Gleichzeitig wurde der Biglenbach damals in ein gerade
verlaufendes Bachbett gezwängt. «In den Drainageleitungen kommt es aber
zu Rückstaus», sagt Hans Andres, Kulturingenieur in Langnau, «und das
Wasser auf den Feldern kann nicht abfliessen.»
Teich sammelt Feststoffe
Schuld daran ist vor allem die
Verschlammung im Bachbett, sowie der grosse Pflanzenwuchs im Wasser. In
der Vergangenheit musste der Biglenbach beim Moos in aufwändiger Arbeit
immer wieder ausgebaggert und von den Pflanzen befreit werden. Abhilfe
für dieses schon länger bestehende Problem könnte ein Teich schaffen,
der die Feststoffe auffängt. Diese liessen sich einfach und
kostengünstig ausheben. Im Bachbett selbst bliebe die Verschlammung
gering, Hecken am Bachufer würden den Pflanzenwuchs im Wasser eindämmen.
Diese Ideen sind auf den Plänen von Hans Andres skizziert. Er weist
darauf hin, dass es relativ naheliegend ist, auf dem Moos einen Teich zu
bauen: Auf einer Karte aus dem 16. Jahrhundert findet sich dort, wo das
,Erligräbli' in den Biglenbach einmündet, ein kleiner See.
«Zudem», so Thomas Vuille,
wissenschaftlicher Mitarbeiter des Kantonalen Fischereiinspektorats,
«würde der Teich, ergänzt mit Hecken und Bäumen, das kleine
Naturschutzgebiet am Oberlauf des Enggisteinbaches ideal ergänzen.» Das
Projekt ist laut Andres noch nicht mehr als «eine Idee». Was einst
realisiert werde, hänge davon ab, ob sich eine Trägerschaft finden
lasse. Beiträge für die Arbeiten könnten eventuell aus dem
Renaturierungsfonds bezogen werden.
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