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Presseschau Worb/Rüfenacht und Umgebung

Diese Pressesschau ist unvollständig, unausgewogen und wird sporadisch ergänzt

Mix & Copyright: H.U. Steiner

Worber-Chronik, Ortsgeschichte, Worb-Buch

Der Bund, 7. September 1999

WORB

Um die Dorfchronik gezittert

Fast wäre die Dorfchronik am Geld gescheitert: Gestern Abend hat das Parlament nur ganz knapp, mit 16 Ja- zu 14 Nein-Stimmen, 230'000 Franken für die Gesamtkosten bewilligt. Eine so teure Chronik sei Wunschbedarf und nicht notwendig, kritisierte die SVP.

REBEKKA REICHLIN

«Worb als zehntgrösste Gemeinde im Kanton Bern hat bis heute keine Dorfchronik», bedauerte Gemeindepräsident Peter Bernasconi gestern Abend vor dem Parlament. Ein solches Werk diene aber der Identität der Gemeinde. Zudem höre er seit Jahren von Lehrkräften, ein solches Buch wäre dringend notwendig. Seit 1997 leitet deshalb der ortsansässige Historiker Heinrich Richard Schmidt - er arbeitet an der Universität Bern - die Vorbereitungen für eine Worber Dorfchronik. Voraussichtlich auf den 1. Januar 2005 soll sie publiziert werden. Das Ziel sei ein Buch, das wissenschaftlichen Ansprüchen genüge und einer breiteren Bevölkerung gefalle, sagte Schmidt gestern Abend vor dem Grossen Gemeinderat. Er bat das Parlament, den Kredit von 230'000 Franken für die Gesamtkosten der Dorfchronik zu bewilligen.

«Wunschbedarf»

Bereits während seiner Ausführungen zeigte sich, dass die Worber Dorfchronik die Hürde noch nicht genommen hatte: In den Reihen der SVP wurde Schmidts Vortrag - in eher unhöflicher Manier - flüsternd kommentiert. In der Debatte stellte Therese Bernhard (svp) einen Rückweisungsantrag. Der Gemeinderat müsse eine neue Vorlage für die Dorfchronik bringen, die von den ursprünglich vorgesehenen Kosten von 170'000 Franken ausgehe, verlangte sie. Wenn es unmöglich sei, die Chronik mit diesem Geld zu realisieren, müsse sie als Wunschbedarf zurückgestellt werden. Besonders störe die SVP, dass das Projekt bereits jetzt fast 50'000 Franken gekostet habe. Der Gemeinderat hatte neben einem Vorprojektierungskredit von 29'000 Franken in verschiedenen Tranchen weitere rund 20'000 Franken aus den EvK-Gutschriften bewilligt.

Besonders dieses Argument unterstützte auch Hans Ulrich Steiner von der Grünen Freien Liste: Er sei «erstaunt über die Salamipäckli des Gemeinderats», kritisierte er dieses Vorgehen. Gegen diesen Vorwurf wehrte sich aber Gemeindepräsident Bernasconi: Jedes Projekt brauche einen finanziellen Vorlauf, um abzuklären, ob es überhaupt weiterverfolgt werden solle, sagte er. Das sei ein normales Vorgehen bei jedem Projekt.

Unerwartete Opposition

Für die Ratslinke kam die Opposition der SVP völlig unerwartet. Er sei «erschlagen», sagte Christoph Lerch (sp). Seit zwanzig Jahren grüble er als Lehrer nach Material, um den Kindern die Dorfgeschichte näher zu bringen. Wenn das Geld das Projekt Dorfchronik zu Fall bringe, dann sei er «bodenlos enttäuscht von der bodenständigen SVP». Den Rückweisungsantrag bezeichnete er als «bürgerlich halbpatzigen Vorschlag». Deutlich wurde auch Hans Ulrich Joss (sp): Eine Gemeinde, die meine, sie könne es sich nicht leisten, sich mit ihrer Vergangenheit zu beschäftigen, sei eine arme Gemeinde, sagte er.

In der Abstimmung unterlag der Rückweisungsantrag der SVP knapp mit 16 Nein- gegen 15 Ja-Stimmen. Mit 16 Ja gegen 14 Nein bewilligte das Worber Parlament schliesslich die 230'000 Franken für die Dorfchronik.

BZ, 13. April 2002

HISTORIKER IN WORB

Am Samstagmorgen schreiben sie Geschichte

Historiker und Studierende der Uni Bern tauchen in Worbs Geschichte ein: Einmal im Monat, immer samstags, setzen sie Puzzleteile aus der Vergangenheit zusammen. Die Ergebnisse erscheinen in einem Buch.

Brigitte Walser

«Worb ist der Ort, wo ich wohne - weshalb soll ich nicht da forschen», sagt Geschichtsprofessor Heinrich Schmidt und öffnet die Türen zum Archiv. Hier im Keller der Worber Verwaltung ist untergebracht, was sich im Laufe der Jahrhunderte an Schriftlichem zu Worb erhalten hat. Urkunden, Gerichtsakten, Verzeichnisse, Protokolle. Zusammengetragen von Schmidt und seinem Team. Dieses setzt sich zusammen aus Historikern, Studenten, Geschichtsinteressierten und Angestellten der Worber Verwaltung. Vor vier Jahren haben sie begonnen und zwei Jahre gebraucht, bis das Material «aufbereitet» war. Studentin Andrea Schüpbach hat mitgeholfen: «Ich kann die alten Schriften recht gut lesen, so bin ich zum Team gestossen.» Sie ist, mit Laptop und Lampe in den Turm des Schlosses Schlosswil gestiegen und hat sich durch das Material und die zum Teil kaum lesbaren Handschriften gekämpft. Auch das Staats- und das Bundesarchiv haben die Forscherinnen und Forscher nach Unterlagen über Worb durchforstet. Wer jetzt Akten zu einem bestimmten Thema sucht, der findet sie nach Stichworten geordnet auf einer Datenbank im Internet. Zahlreiche Dokumente wurden zusätzlich digitalisiert. «Das ist der Mörtel», sagt Schmidt. «Mit ihm können wir unser Haus erst bauen.»

Vom Seminar zum Buch

Begonnen haben die eigentlichen «Bauarbeiten» im Oktober 2000. Assistenzprofessor Schmidt bot an der Uni Bern ein einjähriges Forschungsseminar an. Das Ziel: Die Geschichte von Worb zu schreiben und die Forschungsergebnisse in einem Buch zu publizieren. Das Interesse war gross. Unterdessen arbeiten 35 Studierende am Projekt «Ortsgeschichte Worb». Hinzu kommen weitere Fachpersonen - Juristen, Archäologen, Lehrer, Geologen und Informatiker - sowie geschichtsinteressierte Worberinnen und Worber. 50 Personen insgesamt.

Das Forschungsseminar ist zwar zu Ende, doch noch jetzt treffen sich die Seminarteilnehmer regelmässig am Samstag auf der Worber Verwaltung, um die neusten Ergebnisse auszutauschen. Während des Seminars hatten sie die vorhandenen Dokumente besprochen und den Umgang mit ihnen geübt. In einem zweiten Schritt schrieben die Studierenden Seminar- oder Lizentiatsarbeiten und fassten ihre Ergebnisse schliesslich in einem Artikel zusammen, der im Buch erscheinen soll.

Vom Puzzle zum Bild

Die meisten Kapitel der Worber Chronik sind unterdessen geschrieben und werden nun von den Buchautoren gemeinsam besprochen. «Heute zum Beispiel diskutieren wir darüber, was Worb überhaupt ist», sagt Schmidt und lacht: «Es ist komplizierter, als es klingt.» Die geografischen und politischen Grenzen Worbs nachzuzeichnen, ist ein Teil des Puzzles, das am Schluss das Gesamtbild «Worb» ergeben soll. Und dieses Bild soll schliesslich aufzeigen, wie Worb sich weg von der bäuerlich geprägten Gesellschaft hin zum regionalen Zentrum mit moderner Industrie entwickelt hat. Heinrich Schmidt rechnet damit, dass das Buch ab 2005 im Buchhandel erhältlich ist.


Worber Ortsgeschichte im Internet: www.worb.ch. Dort ist die Homepage des Projekts unter «Dokumente zur Worber Geschichte» abrufbar.

DAS PROJEKT

Entstehung einer Chronik

Das Projekt «Worber Ortsgeschichte» ist das Resultat eines Parlamentsentscheides: Im September 1999 genehmigte der Worber Grosse Gemeinderat den Kredit für eine Gemeindechronik. Seither arbeiten Fachleute der Universität Bern, externe Wissenschaftler, Private und Studenten an dem Buchprojekt. Ziel ist eine Art «histoire totale». Das heisst, alle Aspekte des Lebens werden untersucht - von den mittelalterlichen Wirtshäusern bis zu den heutigen Vereinen und von der Kriminalitätsgeschichte bis zur Auflösung der Gemeindeversammlung. Am Ende, 2005, soll das Buch möglichst viele Facetten der Worber Geschichte beleuchten.

Parallel zum Buchprojekt entsteht eine Geschichte im Internet. Peter Lüthi ist zuständig für die Datenverarbeitung. Er bereitet die Forschungsergebnisse in Datenbanken auf und stellt so die Vernetzung der verschiedenen Personen, Daten und Orte her.

bw

Schicksale zwischen den verstaubten Aktendeckeln

Für Historiker Heinrich Schmidt ist eine Dorfchronik spannend, weil sie einzelne Menschenschicksale beschreibt.

Interview: Brigitte Weiser

Seminare zum Zweiten Weltkrieg oder zur Entstehung der USA sind an der Uni üblich. Aber zur Worber Geschichte?

Heinrich Schmidt: Der Reiz am Seminar zur Worber Geschichte ist, dass man statt Strukturen Personen hautnah erlebt. Die Aussage «die Armut hat zugenommen» wird konkret, wenn wir eine Mutter in einem Worber Armenverzeichnis finden, die Nägel für die Schuhe erhält. Es gibt eine Tendenz in der Geschichtswissenschaft, stärker auf die Kultur der einfachen Leute Wert zu legen und hinter den Strukturen das Handeln von Menschen zu erkennen.

Könnte man Ihr Vorgehen als Mikrohistorie bezeichnen?

Ja, sicher. Wir machen eine Tiefenbohrung. Wie in einem Eisbohrkern zeigt sich die Vergangenheit.

Inwieweit ist Worb denn ein typisches Beispiel?

Es zeigt sich, dass Worb einen höheren Gewerbeanteil hatte als andere Orte Berns, von daher ist es atypisch. In anderen Bereichen - der Bevölkerungsexplosion, der Armut oder bei Gerichtsfällen - ist es Stellvertreter für den ganzen Kanton.

Wie sieht die Quellenlage aus?

Ausgezeichnet. Wir haben etwa 200 Laufmeter Akten zusammengetragen. Weil viel über die Menschen geschrieben wurde, kommen wir näher an sie heran.

Nutzen Sie das Wissen alteingesessener Worber?

Peter Lüthi hat mit Besitzern von ehemaligen Fabriken und Gewerbebetrieben gesprochen. Auch Olivier Dinichert - er schreibt über Vereine - und Jörn Aeschlimann, der sich mit Parteien befasst, stützen sich auf mündliche Aussagen.

Früher hat der Dorflehrer die Ortschronik verfasst, heute machen es professionelle Historiker.

Das Interesse für diese Art von «lebendiger» Geschichtsschreibung besteht bei den Studierenden schon länger. Hier produzieren sie nicht für die Schublade, sondern können gemeinsam von null etwas auf die Beine stellen. Die Ausbildung verbindet sich mit der Forschung und wird erst noch zum Service an die Bevölkerung. An der Uni hat es dieses Angebot bisher aber kaum gegeben. Jetzt beginnen auch die Berufshistoriker, sich stärker dem Alltag, den Mikroeinheiten zuzuwenden.

Welchen Zeitraum deckt die Chronik ab?

Sie beginnt bei der Eiszeit, dann folgen Beiträge zur römischen Geschichte. Vom Mittelalter in die Neuzeit und bis ins 20 Jahrhundert wird die Quellenlage immer dichter. Wir wagen auch einen Ausblick in die Zukunft.

An wen wendet sich die Chronik?

An alle, die sich für die Orts- Beschichte von Worb interessieren: sowohl Fachleute als auch Laien.

Wie unterstützt Sie die Gemeinde Worb?

Wir können die Räume der Verwaltung benutzen und verfügen über einen Kredit von 230'000 Franken. Für das Vorprojekt (Datenbanken, Kopien, Archivverfilmung usw.) sind davon 75'000 Franken verbraucht worden. Die restlichen 155'000 Franken sind für den Druck vorgesehen: Wir arbeiten alle ehrenamtlich.

Der Bund, 13. Mai 2002

WORB

Nebst Chronik entsteht nun auch Bildband

Ende Jahr soll das «Worb-Buch», ein Bildband über die Gemeinde, erscheinen. Die Herausgeber sehen darin keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung zur Worber Chronik, an der unter der Leitung des ortsansässigen Historikers Heinrich Richard Schmidt ein fast 50-köpfiges Team arbeitet und das von der Gemeinde finanziell unterstützt wird.

bas. Seit Jahren müsse sie immer wieder Kundinnen und Kunden enttäuschen, die in ihrem Geschäft nach einem Geschenk Ausschau hielten, das etwas über Worb aussage, erzählt Regula Bener, Buchhändlerin in Worb: Abgesehen von einem Berner Heimatbuch, das sich hauptsächlich aufs Schloss fokussiere und ohnehin vergriffen sei, gebe es nichts über die Gemeinde. Das soll sich nun ändern. Zusammen mit dem Worber Journalisten Martin Christen, dem Vielbringer Grafiker Hans Morf und dem Heimiswiler Fotografen Roland Spring plant Bener die Herausgabe des «Worb-Buches». Laut Martin Christen wird im zirka 60-seitigen Band das Bild im Vordergrund stehen. Er werde nebst einem Einführungstext Begleittexte zu den Bildern verfassen. Entstehen soll nach Auskunft von Regula Bener «ein aktuelles Porträt der Gemeinde mit ihren acht Ortsteilen und ihrer vielfältigen Kultur». Es soll Austauschstudentinnen, die in der Ferne ihre Heimat vorstellen wollen, ebenso dienen wie Geschäftsleuten auf der Suche nach einem Kundenpräsent mit Lokalbezug.

Verkauf und Sponsorengelder

Die Worber Firmen wollen die «Worb-Buch»-Herausgeber aber nicht nur als Käufer, sondern auch als Sponsoren ansprechen. Derzeit laufe die Suche nach Unternehmen, die gegen ein Entgelt ihr Logo im Buch verewigen wollten, sagt Christen. Das «Worb-Buch» kann jetzt noch für 24 Franken in der Buchhandlung Bener bestellt werden, nach Erscheinen im kommenden Dezember wird es 29 Franken kosten. Damit dem Herausgeberteam kein Defizit erwachse, müssten etwas über 1000 Stück verkauft werden, führt Christen aus. Ein Geschäft werde das Ganze für die Mitarbeitenden ohnehin nicht, sie erhielten einzig eine «honorarähnliche Entschädigung». Sie verfolgten aber auch nicht kommerzielle Interessen, sondern wollten ein Bedürfnis abdecken. Das Team möchte, dass das Buch in Worb gedruckt wird, das Offertenverfahren sei aber noch im Gang, so Christen.

Ergänzung zu Chronik

Erst auf Anfang 2005 ist die umfassende Worber Ortsgeschichte angekündigt, an der seit Ende 2000 rund 50 Personen arbeiten. Leiter des Projekts, das im nationalen Vergleich einzigartig sein soll, ist der in Worb wohnhafte Heinrich Richard Schmidt, Assistenzprofessor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Bern (der «Bund» berichtete). Bereits sind verschiedene Quellentexte im Internet öffentlich zugänglich gemacht worden. Worb steuert ans Vorhaben 230000 Franken bei. Das «Worb-Buch» sei keinesfalls ein Konkurrenz-Projekt zur Chronik, sondern vielmehr eine Ergänzung, betont Martin Christen. Wenn die Chronik erscheine, sei das «Worb-Buch» wahrscheinlich bereits vergriffen, ergänzt Regula Bener. Das aufwändig recherchierte historische Werk sei eine «tolle Sache», die es nebst dem Bildband ebenfalls brauche. Von der Art und wohl auch vom Preis her seien die beiden Druckerzeugnisse überhaupt nicht miteinander vergleichbar. Dies unterstreicht auch Gemeindepräsident Peter Bernasconi: Chronik und Bildband seien zweierlei, meint er. Heinrich Richard Schmidt war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Der Bund, 14. Mai 2002

WORB

Chronisten arbeiten «mit Begeisterung»

bas. Sowohl für den Bildband «Worb-Buch» wie auch für die Chronik (siehe «Bund» von gestern) sei in der Gemeinde Worb eine Nachfrage vorhanden, meint Heinrich Schmidt; der Historiker leitet das Team, das die Worber Chronik erarbeitet. Nach wie vor sei die Herausgabe des 600- bis 700-seitgen Werkes für Ende 2004/Anfang 2005 geplant. Vorab Studierende, aber auch ehrenamtlich Tätige sind gegenwärtig daran, Quellen zu erforschen und zu interpretieren. Die Zusammenarbeit zwischen Studierenden, Professoren und ehrenamtlich Tätigen klappe hervorragend, rühmt Schmidt. Die Studierenden seien «mit Begeisterung» bei der Arbeit, und die Leistung der ehrenamtlich Mitarbeitenden gehe weit über eine normale Freizeitbeschäftigung hinaus.

BZ, 15. Januar 2004

ORTSGESCHICHTE

Haizähne und Helikopter in der Erde von Worb

Wo heute Worb ist, befand sich einst das Ufer eines Meeres, dann der Aaregletscher. Ein Blick ganz weit zurück.

Brigitte Walser

«Bevor der Mensch auftrat, wurde zuerst seine Bühne geschaffen.» Der promovierte Geologe Reto Burkhalter beschäftigt sich mit dem «Bühnenbau». Erkenntnisse zur Erdgeschichte erläuterte er an einem Vortrag der Volkshochschule Bern über die Worber Ortsgeschichte.

Gesteine sind die Quellen, aus denen Forscher der Erdgeschichte schöpfen können. Burkhalter hat für die Gemeinde Worb eine geologische Karte erstellt. Eine Knochenarbeit, wenn man bedenkt, wie beredt Steine zu sein pflegen. Herausgekommen ist trotzdem Erstaunliches.

Meer

«Die Erdgeschichte von Worb beginnt vor rund 18 Millionen Jahren», sagt Burkhalter. So viele Jahre haben die ältesten in Worb gefundenen Steine auf dem Buckel. Man kann sie der Oberen Meeresmolasse zuordnen, den Ablagerungen von Abtragungsschutt aus den entstehenden Alpen. Deshalb und weil Haizähne und Meeresmuscheln gefunden wurden, weiss man, dass dort, wo heute Worb ist, einst Meeresrauschen zu hören war. Die Küste war nicht weit, denn die Lage der untersuchten Steine und ein uralter Wurzelstock mit Lehm weisen auf ein Flussbett hin. «Worb befand sich im Mündungsbereich», so Burkhalter. Am Ufer standen Bäume, wie sie heute in südlichen Ländern wachsen.

Gletscher

Was danach geschah, darüber schweigen die Steine, das heisst, sie fehlen, sodass sich keine Rückschlüsse ziehen lassen. Erst die Eiszeiten des Quartärs haben wieder Spuren hinterlassen. Burkhalter spricht von der grössten, der vorletzten und der letzten Eiszeit, von denen er Ablagerungen gefunden hat. Vor 25'000 Jahren befand sich das Gebiet von Worb unter einer Eisdecke. Bis nach Bern reichte damals der Aaregletscher und stiess dort auf denjenigen der Rhone. «Die Gletscher modellierten den Molasseuntergrund», so Burkhalter. Die Bühne wurde damit noch einmal neu gestaltet, die Meeresmolasse von der Grundmoräne des Gletschers überdeckt. «So sind Gebiete wie der Worbboden und die Sonnhalde entstanden.» Die Gletscher brachten Findlinge, etwa den Bernhardstein im Eggwald, mit. Als sie sich zurückzogen, hinterliessen sie eine Moränenlandschaft, auf der Tümpel und Moore entstanden. Die Bühne für den Menschen war geschaffen. Und sie hat dessen Lebensweise geprägt. Etwa indem sie das Gewässernetz, die Siedlungsstandorte und die Verkehrswege vorgab oder die Rohstoffe bereitstellte.

Helikopter

«Geologische Prozesse hören mit Beginn der Menschheitsgeschichte nicht auf», sagt Burkhalter. Aber von nun an hat der Mensch sie mitgestaltet. So etwa die Worber, als sie im 14. Jahrhundert Wasser vom Biglenbach nach Worb ableiteten und den Enggisteinbach anlegten, um ihn als Industriekanal zu nutzen.

Auch allerneuste Ablagerungen hat Reto Burkhalter bei seinen Untersuchungen in Worb gefunden. Als so genanntes anthropogenes Sediment kann der von ihm ausgegrabene kleine Plastikhelikopter bezeichnet werden. Diese Ablagerung datiert der Geologe auf die 60erJahre. «Denn ich hatte als Kind ein ähnliches Modell.»

Die Vortragsreihe der Volkshochschule ist im Zusammenhang mit der Entstehung der Worber Ortsgeschichte entstanden. Das Buch soll im November erscheinen. Dr. Reto Burkhalter hat daran mitgearbeitet.

BZ, 26. November 2004

WORB

Ein Gedächtnis in Buchformat

Das Buch über Worbs Geschichte liegt vor. 50 Fachleute beschreiben auf 700 Seiten das Leben in der Vergangenheit. Das Werk, das weit über eine gewöhnliche Ortsgeschichte hinaus geht, wird heute Abend vorgestellt.

«Immer wieder suche ich verzweifelt nach Material, um den Kindern über den gängigen Geschichtsunterricht hinaus ein Stück Identität zu geben.» Mit diesem Votum setzte sich Parlamentarier und Lehrer Christoph Lerch vor fünf Jahren im Worber Parlament für den Kredit zu einer Ortsgeschichte ein. Ab sofort muss Lerch nicht mehr suchen. Worb hat nun ein Gedächtnis; eine neue Ortsgeschichte liegt vor. Und was für eine.

Sehr knapp hat 1999 das Worber Parlament den Kredit von 230'000 Franken für das Projekt Worber Ortsgeschichte plus 75'000 Franken für die Vorarbeiten bewilligt. Geschichtsprofessor Heinrich Schmidt konnte sich an die Arbeit machen. Er bot Studierenden der Uni Bern ein Forschungsseminar zum Thema Worb an und zog Fachleute aus allen möglichen Bereichen bei; Juristen, Geologen, Informatiker, insgesamt über 50 Personen. In minuziöser Arbeit erstellten diese zuerst ein Archiv in der Worber Gemeindeverwaltung und bereiteten dieses auf. Dann trafen sie sich jeweils am Samstag, tauchten ab in Worbs Vergangenheit, fachsimpelten und feilten an ihren Texten herum.

700 Seiten Worb

«Ich bin hellauf begeistert über das Feuer und das Engagement der Beteiligten», sagt Projektleiter Heinrich Schmidt, der selber in Worb wohnt. Für die Studierenden sei der Arbeitsaufwand weit über ein gewöhnliches Forschungsseminar hinaus gegangen. Der Vorteil seines Projekts: «Ausbildung, Forschung und Lehre gingen Hand in Hand», sagt Schmidt. Und für einmal hatten die Studierenden Gelegenheit, nicht einfach für die Schublade zu schreiben: ihre Resultate sollten in einem Buch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Gefeilt wurde deshalb auch am Schreibstil: «Wir wollten kein Fach-Kauderwelsch», sagt Schmidt.

Langsam nahm die Worber Geschichte Gestalt an. In 42 Beiträgen zeichneten die Autoren die Geschichte der Herrschaft und der Gemeinde Worb nach. Nicht nur Daten und Ereignissen wollten sie Platz einräumen, sondern vor allem dem Leben der einfachen Leute in all seinen Facetten. Und dazwischen streuten sie historische und aktuelle Bilder sowie Anekdoten über Persönlichkeiten und Firmen.

Auf 700 Seiten ist so eine «histoire totale» entstanden, eine, die von der Steinzeit bis in die Gegenwart reicht. Eine Ortsgeschichte, wie man sie in ihrer Vollständigkeit und fachlicher Tiefe nicht so leicht findet.

Kredit nicht ausgeschöpft

Die Beteiligten inklusive Projektleiter Heinrich Schmidt haben ehrenamtlich gearbeitet. «Hätten wir einen Stundenlohn, kostete das Projekt rund 2,5 Millionen Franken», sagt Schmidt. So aber haben die Autoren den Kredit des Parlaments gar nicht ausgeschöpft, und vielleicht werden sie ihn nicht einmal brauchen. Denn bereits jetzt sind von den etwas über 3000 gedruckten Exemplaren 1000 reserviert.

Das Buch liegt vor, die grosse Arbeit ist beendet. «Wie gute Handwerker müssen wir jetzt noch putzen und aufräumen», sagt Heinrich Schmidt. Das von ihnen zusammengetragene Rohmaterial haben die Fachleute zum Teil auf Datenbanken so aufbereitet, dass es auch von anderen und für neue Projekte benutzt werden kann. Schmidt könnte sich vorstellen, dass sich in Zukunft ein ständiger Ausschuss um die Dokumente kümmert und sie auch für Schulen bereit stellt. Doch zuerst einmal wird das Buch gefeiert. Heute Abend ist im «Bären»-Saal die öffentliche Vernissage. Gemeindepräsident Peter Bernasconi und Professor Andre Holenstein von der Universität Bern werden über das Projekt sprechen. Auch Projektleiter Heinrich Schmidt wird eine Rede halten. Und sagen, weshalb man ohne Geschichte nicht leben kann.

BRIGITTE WALSER

Vernissage der Worber Geschichte: Heute Freitag, 19.30 Uhr «Bären»-Saal Worb.

Der Bund, 26. November 2004

5000 Jahre zwischen zwei Buchdeckeln

Während sechs Jahren hat ein 50-köpfiges Team die Worber Geschichte erforscht - heute erscheint das gut 700 Seiten dicke Buch

Warum Worber früher weniger Karies hatten, obschon sie ihre Zähne gar nie putzten, warum vor Chorgericht erscheinen musste, wer fluchte oder sonntags arbeitete, und wie es dazu kam, dass die SBB nicht durch das Worblental fährt: Das und vieles mehr erfährt man in der «Worber Geschichte».

CATHERINE ARBER

Fast wäre es gar nie zu diesem Buch gekommen: Das Worber Parlament bewilligte im September 1999 den 230 000-Franken-Kredit nur äusserst knapp. Die Kosten seien zu hoch, monierten die einen, die Texte zu wissenschaftlich abgefasst, befürchteten andere. Nun liegt sie aber druckfrisch vor, die «Worber Geschichte»: Ein über 700 Seiten dickes Buch ist daraus geworden, in dem auf über 5000 Jahre Geschichte zurückgeschaut wird, von der Steinzeit bis in die Gegenwart. Mehr als 50 Autorinnen und Autoren haben in den vergangenen sechs Jahren in Archiven, Bibliotheken sowie bei Worber Familien und Betrieben geforscht und insgesamt 42 Beiträge verfasst. Das Team arbeitete ehrenamtlich und unentgeltlich. Mit dem Kredit der Gemeinde Worb wurden lediglich die nötige Infrastruktur finanziert und der Druck bezahlt. Unter den Verfasserinnen und Verfassern der Beiträge waren etwa Fachhistoriker, Archäologinnen, Geologen, Kunsthistorikerinnen oder Ärzte, aber auch Studenten der Universität Bern und Hobbyhistoriker. Für die Leitung des Projekts zeichnete Heinrich Richard Schmidt verantwortlich, der an der Universität Bern Neuere und Neueste Geschichte lehrt und in Worb wohnt.

Breites Themenspektrum

Der vielfältige fachliche Hintergrund der Autorinnen und Autoren spiegelt sich auch in den Themenbereichen der einzelnen Kapitel: So wird etwa beschrieben, dass der Name «Worb» auf Keltisch Fluss bedeutet, dass an der Sonnhalde eine prächtige Villa stand, dass Worberinnen und Worber vor 1800 50 Prozent weniger Karies hatten, obschon sie sich die Zähne gar nie putzten. Oder dass ein Chorgericht im Mittelalter der Verchristlichung der Gesellschaft diente. Vor dem Gremium musste erscheinen, wer fluchte, schwörte, sonntags arbeitete oder ausserehelichen Geschlechtsverkehr hatte. Eisenbahnliebhaber können nachlesen, wie es dazu kam, dass die SBB heute nicht durchs Worblental fährt, und wie es zur Erschliessung der Gemeinde durch das orange und das blaue Bähnli kam. Der Geschichtenband ist nebst Grafiken und Karten auch mit einer Vielzahl von bunten Bildern illustriert.

Mit der Ortsgeschichte habe man eine möglichst umfassende Gesellschaftsgeschichte umreissen wollen, schreibt Herausgeber Heinrich Richard Schmidt im Vorwort. In den einzelnen Kapiteln wird denn auch gezeigt, wie es um die Politik und die Machtverhältnisse in Worb stand, wie die Menschen wohnten, mit Armut zu kämpfen hatten oder in einem Schloss residierten, wie sie es mit dem Glauben hatten, was sie arbeiteten, wo sie ein Feierabendbier trinken gingen und in welchen Vereinen sie turnten. Die Darstellungen werden mit Lebensgeschichten von verschiedensten Worberinnen und Worbern ergänzt. Beispielsweise jene von Christen Juzi, einem Verdingbub im 18. Jahrhundert. Oder jene der Bäckerfamilie Schmutz, die 1945 den ersten Tea-Room in der Region eröffnen sollte, das «Häueli». Der Begriff Tea-Room sorgte bei der Kundschaft für Verwirrung: Diese glaubte, sie bekomme Tee mit Rum vorgesetzt. Aber auch berühmte Bewohnerinnen und Bewohner hat die Gemeinde vorzuweisen: Nebst der Patrizierfamilie von Graffenried etwa die Volksmusiksängerin Francine Jordi (bürgerlich: Lehmann), der im Geschichtsbuch ebenfalls ein Porträt gewidmet ist.

Viel Mittelalter, wenig Parteien

Spannend wäre es gewesen, noch mehr über das 20. Jahrhundert zu lesen. Vor allem über die Politik. Grosse Teile der «Worber Geschichte» beschreiben die unterschiedlichen Aspekte im Leben der Menschen im Mittelalter und in der Neuzeit. So wird auch die Herrschaftsform der Patrizier ausführlich geschildert. Sie musste 1798 dem helvetischen Regime und 1834 schliesslich der modernen, heute noch bestehenden Einwohnergemeinde weichen. Wie sich die politische Landschaft Worbs im 20. Jahrhundert veränderte, ist nur am Rande erwähnt. Es wäre interessant gewesen, zusehen, wie sich die politischen Kräfteverhältnisse nach der Einführung des Parlaments 1973 verändert haben und wer die Gemeindepolitik beeinflusste.

Trotz diesem Ungleichgewicht in der Schilderung der historischen Epochen: Die «Worber Geschichte» dürfte die verschiedensten Interessen abdecken. Da ist für alle etwas. Die Bedenken jener Worber Politikerinnen und Politiker, die vor fünf Jahren befürchteten, das Geschichtsbuch werde zu wissenschaftlich ausfallen und kaum jemanden interessieren, bewahrheiten sich jedenfalls nicht. Schon jetzt sind auf der Gemeindeverwaltung mehr als 850 Vorbestellungen eingegangen.

Vernissage

Heute Abend findet um 19.30 Uhr im Gemeindesaal, Bärenplatz 2 in Worb, die Buchvernissage statt. Der Anlass ist öffentlich. Nebst Gemeindepräsident Peter Bernasconi werden auch die beiden Berner Professoren Heinrich Richard Schmidt (Projektverantwortlicher) und André Holenstein ein Referat halten. Für die musikalische Umrahmung des Anlasses sorgen die Jugendmusik Worb und der Oratorienchor Cantica Nova Worb. (car)

ANGABEN ZUM BUCH:

Heinrich Richard Schmidt (Hrsg.): «Worber Geschichte», Stämpfli-Verlag, 720 Seiten, 49 Franken.