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Der Bund, 20.
Januar 2004
Regionalrat rückt näher
Breite Zustimmung zur neuen Agglomerationsstrategie für die Region
Bern
Die meisten Gemeinden wollen verbindlichere Zusammenarbeitsformen in
der Region: Das zeigt die gestern vorgestellte Auswertung der
Vernehmlassung zur Agglomerationsstrategie Region Bern überraschend
deutlich. Somit läuft die Entwicklung gegenwärtig in Richtung
Regionalrat.
MARC LETTAU
Wer
von der Demokratie halbwegs erträgliche, effiziente Abläufe erhofft,
erinnert sich mit leichtem Schaudern: 2002 und 2003 inszenierten über
80 Gemeinden der weiteren Region Bern über Monate hinweg eine endlose
Versammlungs- und Abstimmungskaskade über Kulturverträge. Das
Verfahren tat vor allem eines: Es dauerte. Ewigkeiten später stand
fest, dass die wichtigsten städtischen Kultureinrichtungen wieder einen
Kulturbatzen kriegen werden. Es zeigte sich aber auch, dass das Ergebnis
genau gleich gewesen wäre, wenn alle Gemeindepräsidenten zu Beginn an
einer einzigen Sitzung unter sich abgestimmt hätten.
Rascher und verbindlicher
Zu viele Schlüsse sind aus dem Beispiel regionaler Zusammenarbeit
ausdrücklich nicht zu ziehen. Aber die damalige Erfahrung der
Regionalen Kulturkonferenz (RKK) wirkt nach, wenn heute über griffigere
regionale Zusammenarbeitsformen diskutiert wird. Das aktuelle Beispiel:
die vom Verein Region Bern (VRB) unter der Leitung des Murigers Peter
Niederhäuser erarbeitete Agglomerationsstrategie. Sie strebt viel
raschere und verbindlichere Entscheide auf regionaler Ebene an.
Verbindliche Zusammenarbeit wird in all jenen Bereichen erhofft, die
sich nach Einschätzung des VRB ohnehin nur gemeindeübergreifend lösen
lassen: Raumplanung, Verkehr, Wirtschaft und Wirtschaftsförderung und
allenfalls auch die regionale Kulturpolitik.
74 Prozent stimmen zu
Die Agglomerationsstrategie wurde im vergangenen Herbst der
Öffentlichkeit vorgestellt und ist daraufhin 100 Gemeinden zur
Vernehmlassung unterbreitet worden. Die gestern in Bern präsentierte
Auswertung der Mitwirkung zeigt ein verblüffend positives Bild: Die
deutliche Mehrheit der Gemeinden stimmt der generellen Stossrichtung zu.
Insgesamt 74 Prozent der mitwirkenden Gemeinden sagen Ja zu
verbindlicheren Zusammenarbeitsformen in der Region Bern. Besonders
wohlwollend ist die Strategie in der engeren Region Bern, im Perimeter
des VRB, aufgenommen worden. Hier befürworten gar 88 Prozent die
Agglomerationsstrategie.
Ähnlich ist das Bild bei den einzelnen Teilfragen. So ist eine klare
Mehrheit von 78 Prozent für einen einheitlichen und grossen Perimeter
für die gemeinsam zu lösenden Verkehrs- und Planungsfragen. Innerhalb
des VRB liegt da die Zustimmung bei 92 Prozent. Ebenfalls im Bereich von
90 Prozent bewegt sich die Unterstützung in der Frage, ob der für die
Gemeinden unausweichliche Autonomieverlust durch ein regionales
Referendums- und Initiativrecht wettgemacht werden solle. Und eindeutig
ist die Haltung zur eingangs erwähnten Kultur: Obschon die Vorarbeiten
für die Revision des Kulturförderungsgesetzes angelaufen sind,
möchten die meisten Gemeinden auch die Kulturförderung in die
Agglomerationsstrategie einbinden.
Sichtbar geworden ist aber nebst der breiten, generellen Zustimmung
allerdings auch, wo die Agglomerationsstrategie Fragen aufwirft oder gar
Ängste auslöst. Peter Niederhäuser sagte, von besonderem Interesse
sei vor allem die Gewichtung der Stimmkraft im vorgesehenen Regionalrat.
Kleinere Gemeinden fürchteten, in diesem Regionalrat zwangsläufig von
den grossen Gemeinden majorisiert zu werden. Vielleicht sei es drum
nötig, Regionalratsentscheide mit «doppelter Mehrheit» zu fällen,
dass also die Mehrheit der Einwohner und die Mehrheit der Gemeinden
hinter einem Entscheid stehen müssten.
Fragen werfe auch der grosse Perimeter von gegenwärtig 100 Gemeinden
auf. Es sei aber leicht möglich, jene Themen, die nur eine Subregion
beträfen, im kleineren Kreis zu regeln. Mit Genugtuung resümierte
Peter Niederhäuser, dies alles seien zwar «wichtige Einwände», aber
sie verunmöglichten die Realisierung der Agglomerationsstrategie in
keiner Weise.
Die Stimme der Peripherie
Als unbegründet erwies sich die Annahme, zentrumsferne Gemeinden
würden a priori auf Distanz zur Agglomerationsstrategie gehen. Peter
Staudenmann, Gemeinderat von Wahlern (Schwarzenburg) und somit Vertreter
des äusseren Regionsgürtels, legte beispielsweise dar, seine Gemeinde
sei durchaus interessiert an einer starken Region Bern: «Davon
profitiert auch die Peripherie.» Es sei jetzt aber wichtig, «alle
Betroffenen zu Beteiligten zu machen» und insbesondere die Bedenken zu
zerstreuen, die Stärkung der Zentren geschehe auf Kosten der
ländlichen Gebiete. Abgesehen davon sei die Sache halb so wild, weil
die Politik der Realität hintennachhinke, sagte Peter Staudenmann:
«Die Leute denken schon lange in regionalen Dimensionen.»
Was will die neue Strategie?
Die Gemeinden der Region Bern arbeiten schon heute zusammen:
Die Regionale Verkehrskonferenz (RVK) lenkt gemeindeübergreifend
die Verkehrsentwicklung, die Regionale Kulturkonferenz (RKK) müht
sich mit der Kulturförderung ab, und der Verein Region Bern (VEB)
kümmert sich um Fragen zur Raumordnung. Abschliessend ist die
Aufzählung nicht: Es kommen unzählige weitere Gemeindeverbände
und Organisationen dazu.
Offensichtliche Schwächen
Trotz dieser Breite seien die heutigen demokratischen Verfahren
auf regionaler Ebene «schwer zu verstehen», «häufig
kompliziert und sehr schwerfällig» und geprägt von
«ungenügender Transparenz», sagte gestern der Berner
Stadtpräsident und VRB-Präsident Klaus Baumgartner. Die Gründe
für eine neue Zusammenarbeitsform zwischen den Gemeinden seien
darum offensichtlich.
Einfachere Strukturen
Es sei klar, «dass sich sehr viele Probleme nur lösen lassen,
wenn man an der Gemeindegrenze nicht Halt macht», sagte
Baumgartner. Insbesondere für Raumplanung, Verkehr, Wirtschaft
und Wirtschaftsförderung und wohl auch für die Kultur brauche es
«einfachere Strukturen». Das Wirrwarr verschiedener Perimeter
müsse entflochten werden. Die Zahl der regional wirkenden
Organisationen gelte es zu verkleinern. Und ganz entscheidend
seien «mehr Verbindlichkeit und raschere Entscheide auf
regionaler Ebene», sagt Baumgartner.
Regionalrat als Kernstück
Kernstück des vorgeschlagenen Modells ist der neue
Regionalrat. Dieses Gremium, dem die Gemeindepräsidenten aller
Regionsgemeinden angehören sollen, werde verbindliche Entscheide
fällen können. Angestrebt wird ein möglichst grosser Perimeter:
In die Mitwirkung einbezogen wurden 100 Gemeinden.
«Keine vierte Ebene»
Für Baumgartner ist dieses Modell zukunftweisend, weil es
sowohl das Tempo wie die Verbindlichkeit der Zusammenarbeit in der
Region erhöht, «aber keine vierte Ebene schafft». Ein
regionales Parlament sei eben gerade nicht vorgesehen. Und: Die
Bürgerinnen und Bürger der Gemeinden erhielten dank dem
vorgesehenen Referendums- und Initiativrecht genug
Einflussmöglichkeit. (mul)
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Kanton muss Gesetze ändern
Das Ziel der Region Bern, sich griffigere regionale Strukturen
zu verpassen, steht in keinem Widerspruch zur kantonalen Politik.
Im Gegenteil: Regierungsrat Werner Luginbühl verwies gestern auf
die kantonale Agglomerationsstrategie. Deren vorrangiges Ziel sei
es, Städte und Agglomerationen «als wichtige Wirtschafts- und
Lebensräume wahrzunehmen und deren besondere Bedürfnisse zu
berücksichtigen». Gleichzeitig gratulierte Luginbühl der Region
Bern «für den Zwischenerfolg». Hier, in und um Bern, seien die
Vorarbeiten bereits sehr weit gediehen.
Ein Ja des ganzen Kantons
Luginbühl betonte gestern, die Zustimmung der betroffenen
Regionsgemeinden alleine genüge aber letztlich nicht. Sogar wenn
vorerst nur die Region Bern ein Agglomerationsmodell umsetzen
wolle, brauche es dafür Gesetzesänderungen, «und für
Gesetzesänderungen braucht es die Mehrheit im ganzen Kanton». Es
gelte deshalb, insbesondere «den ländlichen Teil des Kantons von
den Neuerungen zu überzeugen». Luginbühl ist da zwar
zuversichtlich, da hinreichend bekannt sei, dass die Kernstädte
und Agglomerationen «die Motoren der wirtschaftlichen Entwicklung
im Kanton» seien.
Der Fahrplan bis 2007/08
Sobald der Verein Region Bern seine Agglomerationsstrategie
verabschiedet habe, werde der Regierungsrat den
Rechtsetzungsbedarf abklären, sagte Luginbühl. Vorentscheide
könnten im Juni 2004 fallen. Nach einer breiten Vernehmlassung
dürfte dem Grossen Rat Ende 2005 der Bericht über die künftige
Strategie für alle bernischen Agglomerationen unterbreitet
werden. Anschliessend müssten die nötigen Gesetze erarbeitet
werden. Diese könnten voraussichtlich 2007/08 in Kraft gesetzt
werden, sagte Luginbühl.
Der Schlüssel zu Bundesgeld
Luginbühl wies auch darauf hin, Agglomerationsprogramme seien
letztlich die Voraussetzung für zusätzliche Bundesgelder an den
Agglomerationsverkehr. Werde der Gegenvorschlag zur
Avanti-Initiative angenommen, könne der Kanton zu zusätzlichen
Mitteln kommen, wenn er bis im September 2004 darlege, wie er in
den Agglomerationen Siedlungsentwicklung und Verkehr aufeinander
abstimmen will. (mul)
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