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BZ, 22. September 2001
BARBARA LEE
Ihr «Nein» entrüstet die USA
420 zu 1 Stimme: Mit diesem Resultat hat das amerikanische Repräsentantenhaus Präsident
Bush ermächtigt, auf die Terroranschläge von letzter Woche mit militärischer Gewalt zu reagieren. Die
einzige Nein-Stimme kam von Barbara Lee. Und machte die farbige Pazifistin für viele zur «militanten
Extremistin» und «Verräterin an der amerikanischen Sache».
Reto Caduff, Los Angeles
Die Szene in der National Cathedral in Washington vor
einer Woche war filmreif. Wie in einem Hollywood-Drama rang eine Frau während der Messe um eine Entscheidung.
Der Gottesdienst drehte sich um die Ereignisse der vergangenen Tage, die nicht bloss in New York und
Washington, sondern in den gesamten Vereinigten Staaten eine tiefe Sinneskrise und Verunsicherung ausgelöst
hatten. Die Frau lauschte den Worten des Predigers, der meinte, die Reaktion der USA auf eine solch teuflische
Tat dürfe nicht von den gleichen Gedanken geprägt sein.
Barbara Lee, jene Frau in der Kirche und Repräsentantin Kaliforniens im amerikanischen Senat,
nahm die Worte des Geistlichen zu Herzen. Sie stimmte anschliessend als einzige Politikerin gegen einen
militärischen Schlag gegen die Terroristen und ihre Verbündeten, welche mit ihren Flugzeugattacken auf das
Pentagon und die beiden Türme des World Trade Center die USA in Unruhe und Chaos stürzten.
420 gegen 1 Stimme
420 zu 1 lautet das eindrückliche Resultat der Resolution Nummer 64. welche dem Präsidenten
Bush quasi eine Carte blanche zum militärischen Gegenschlag aushändigt und Barbara Lee zur queren
Aussenseiterin in der nationalen Politik stempelte. Die Reaktionen auf ihre einzelne Nein-Stimme blieb nicht
aus.
«Militante Extremistin, eine Liberale mit null Ahnung, Verräterin an der amerikanischen
Sache» sind die druckbaren Äusserungen, die sich anschliessend über die 55-jährige Lee ergossen. Die
Telefonleitungen zu ihren Büros in Washington und Oakland, ausserhalb San Franciscos, sind seit Tagen
überlastet. Über 25 000 E-Mails sind eingegangen. Und ihr Büro im Cannon Bürokomplexes in Washington steht
unter Polizeischutz.
Überzeugte Pazifistin
Die überzeugte Pazifistin hat in den USA einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. « Ich habe
lange mit mir selber um diese Entscheidung gerungen», sagte Lee anschliessend an die Abstimmung: «Ich bin
überzeugt, dass die Mörder all dieser unschuldigen Menschen zur Verantwortung gezogen werden müssen, aber
ich denke, um einen militärischen Schlag oder gar einen Krieg abzusegnen, ist es noch verfrüht.» Eine
militärische Intervention sei eine «eindimensionale Reaktion auf ein multidimensionales Problem» und werde
weitere Terroranschläge nicht verhindern - im Gegenteil, erklärte Lee in einem Interview mit der «Los
Angeles Times». «Wir wissen noch zu wenig über die Drahtzieher», meinte sie weiter, «und mir gefälltes
nicht, dass mit dieser Resolution dem Präsidenten eine solche Vollmacht erteilt worden ist und die beiden
politischen Häuser nun von aussen zusehen müssen.» Sie glaube, die USA müssten nun sehr vorsichtig sein, um
nicht blindlings in einen Krieg zu stürzen, «von dem wir keine Ahnung über das Ausmass oder das Ziel haben
und über keinerlei Ausstiegsszenarien verfügen». Weise Worte eigentlich, die aber im Dröhnen nach schneller
Vergeltung untergingen - und Barbara Lee zu einer der einsamsten Frauen Amerikas machten.
Wut und Trauer
Dabei hat Barbara Lee durchaus auch Grund zur Wut und Trauer. Der Cousin von Sandra R. Swanson,
der Leiterin ihres Büros in Oakland, war ein Flight Attendant auf Flug 93 von United Airlines, jenem Flug, der
bei Pensylvania zum Absturz kam. «Wir haben lange über diese Nein-Stimme via Telefon diskutiert und waren uns
bewusst, dass Barbaras Nein vielleicht das einzige sein könnte, aber das hat beim Entscheidungsprozess keine
Rolle gespielt», meint Bürochefin Swanson.
Intellektuelle Hochburg
Dies zeigt, welchen Rückhalt die charismatische Politikerin in ihrem Umfeld hat. Und obwohl
bereits Stimmen laut wurden, die den Rücktritt der Politikerin fordern, hat Barbara Lee in ihrem Wahldistrikt
einen überdurchschnittlich hohen Grad an Support. Der neunte Wahldistrikt umfasst nicht nur die Stadt Oakland,
sondern auch das traditionell liberale Berkley, das mit seiner Universität als intellektuelle Hochburg der
Linken seit den 60er-Jahren einen festen Platz in der amerikanischen Politszene hat. Viele radikale Ideen und
Klassenkämpfer haben in Berkley ihr Handwerkszeug gelernt, so auch Barbara Lee, die lange bei ihrem
Washingtoner Vorgänger Ron Dellums, einem bekannten linken Friedenskämpfer, arbeitete, der nicht zuletzt für
die Wahl Lees in höhere politische Orden verantwortlich war.
Barbara Lee stammt ursprünglich von El Paso, Texas. Die ganze Familie zog 1960 nach San
Fernando, Kalifornien. 1967 dann der Umzug nach Berkley, wo die sozialen und pazifistischen Ideale der
Studentenbewegung bei der jungen schwarzen Frau auf fruchtbaren Boden stiessen.
Schon 1999 «ausgeschert»
Nach ihrem Universitätsabschluss in Sozialwissenschaften begann Barbara Lee ihre politische
Arbeit für Dellum. Ihre klare politische Haltung bringt ihr bei politischen Freunden oft Hochachtung ein und
erzürnt ihre Feinde immer wieder aufs Neue. 1999 beispielsweise stimmte sie - als einzige Kongressabgeordnete
- gegen Bill Clintons Plan für militärische Intervention in Serbien. Und ein Jahr zuvor hatte sie zu jenen
fünf Politikern gehört, die sich gegen US-Bombenangriffe in Irak aussprachen. Ihre unverhohlene
Unterstützung für Kuba, ihre Forderung für ein Ende der Sanktionen gegen den Inselstaat und ihre
jugendlichen Mitgliedschaften im kommunistischen Umfeld in Berkley haben ihr in Washington den Ruf einer
Hardlinerin links des demokratischen Spektrums eingebracht. Kein Wunder also, boykottierte Barbara Lee das
Einschwören von Präsident George W. Bush, der in ihren Augen unter illegalen Bedingungen zum Präsidenten
gewählt wurde. Sie sprach sich auch gegen juristische Untersuchungen in der Clinton/Lewinsky-Affäre aus.
Mit ihrem Nein zu unmittelbaren militärischen Vergeltungsmassnahmen hat sich die verheiratete
Politikerin, die an Stelle von Krieg ein «Friedensdepartement auf Kabinettlevel» gefordert hat, einmal mehr
auf dünnes Eis gewagt. Doch bei lokalen Fans wie Rolf Bell, Entwicklungschef von Habitat for Humanity
International, hat Barbara Lee noch mehr an Statur gewonnen: «Wenn wir nicht vorsichtig sind und uns in
militärische Abenteuer stürzen, könnten wir von einer Milliarde Muslime als Feind betrachtet werden - dann
würde der teuflische Plan der Terroristen vollumfänglich aufgehen.»
73 Prozent: Rasche Rache
Dem gegenüber steht eine wachsende Zahl verbitterter Amerikaner, die nach einer Zeit der
Trauer nun immer unverhohlener nach rascher Vergeltung rufen. Eine neue CNN-Umfrage zeigt, dass 73 Prozent der
Bevölkerung militärische Aktionen unterstützen, «egal wie lange diese dauern sollten». |