Bund, 11.
Oktober 2003
Die Frau, die den Mullahs trotzt
Die Iranerin Shirin Ebadi tritt als Anwältin von
Frauen und anderen Opfern des Regimes auf
Der Friedensnobelpreis ehrt mit Shirin Ebadi eine
Frau, die sich mutig für die Bürgerrechte aller Iranerinnen und
Iraner eingesetzt hat - vor und nach der islamistischen Revolution.
BIRGIT CERHA, BEIRUT
Der
kleine Körperbau und die sanfte Stimme der 56-jährigen Shirin Ebadi
stehen in krassem Gegensatz zu ihren mächtigen, bärtigen
Widersachern. Für Irans konservatives Establishment ist die prominente
Juristin eine zutiefst unbequeme Gegnerin, ja eine Hassfigur, die sich
durch nichts einschüchtern lässt. «Sie ist aus Stahl», meint ein
iranischer Bewunderer, und Ebadi selbst erläuterte ihre Situation
einmal so: «Jeder, der sich in Iran für Menschenrechte einsetzt, muss
um sein Leben zittern. Doch ich habe gelernt, meine Furcht zu
überwinden.»
Für diesen unerschrockenen, unermüdlichen und strikt friedlichen
Einsatz zugunsten von Menschenrechten, Gerechtigkeit und Demokratie in
einer Welt von Repression, Gewalt und Psychoterror hat die Jury in Oslo
Shirin Ebadi mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Sie ist eine
höchst würdige Preisträgerin, erkoren aus der Rekordzahl von 165
Nominierten, darunter Papst Johannes Paul II.
Richteramt verloren
Ebadis Engagement für die Rechte der Frauen begann schon vor der
islamistischen Revolution von 1979. Nach ihrem Rechtsstudiums an der
Universität von Teheran wurde sie 1975 als erste Richterin in der
Geschichte Irans zur Präsidentin des Stadtgerichts von Teheran
ernannt. Doch die Revolution der Geistlichen, die die patriarchalische
Ordnung verstärkt durchzusetzen suchten, fegte Ebadi wie andere Frauen
aus ihrem Amt. Denn nach Überzeugung der radikalen Mullahs sind Frauen
für hohe Positionen, vor allem jene von Richtern, nicht geeignet.
Ebadi übernahm einen Lehrauftrag als Dozentin an der Juristischen
Fakultät der Universität von Teheran. Zugleich profilierte sie sich
als Vorkämpferin für ein modernes Iran, mit unzähligen Schriften,
Büchern und Vorträgen auch im Ausland. Nachdem die islamische
Führung die Repression gegen die Frauen etwas gelockert hatte,
öffnete sie eine Anwaltspraxis und machte sich sehr rasch einen Namen
insbesondere in Kreisen jener politischen Aktivisten, die sich für die
Öffnung des Systems, für Demokratisierung einsetzten.
Ebadi zählte schliesslich führend zu jener Intellektuellenschicht,
die 1997 einen entscheidenden Beitrag zur überraschenden Wahl des
Reformpräsidenten Mohammed Khatami leistete. Insbesondere engagierte
sie sich für den Schutz der Rechte des Kindes in Iran und ist
Mitbegründerin einer Gesellschaft, die sich dieses Anliegen zum Ziel
setzt.
Drohungen und Verhaftung
Auf ihrem Schreibtisch steht ein kleines Modell der Freiheitsstatue.
Von der in Washington ansässigen Human Rights Watch erhielt sie eine
Auszeichnung, ebenso von anderen internationalen Institutionen. Dies
trug ihr den Vorwurf insbesondere der von Erzkonservativen dominierten
Justiz ein, sie liefere der «Weltarroganz» (den USA) wichtige
Munition in deren Kampf gegen das islamistische Regime. Energisch weist
Ebadi solche Kritik zurück: «Ich bin Iranerin, und ich bin stolz,
Iranerin zu sein.»
Mutig übernahm sie wiederholt Fälle, die die meisten ihrer
Kollegen aus Angst vor Repressalien des Regimes abgelehnt hätten. So
vertrat sie energisch die Interessen der Familie von Darioush Farouhar
und anderen liberalen Intellektuellen, die in einer vom iranischen
Geheimdienst angezettelten Mordserie gegen Dissidenten 1998 ums Leben
gekommen waren. Sie selbst stand auch an oberer Stelle einer Mordliste
von Agenten des Geheimdiensts. Schliesslich geriet sie wegen ihres
Einsatzes gegen Repression selbst in die Fänge der Justiz, wurde
inhaftiert und zu einer mehrmonatigen bedingten Gefängnisstrafe und
fünf Jahren Berufsverbot verurteilt.
Erfolg Im Scheidungsrecht
Kleine Erfolge errang Ebadi im Bemühen um eine Reform des
Rechtssystems, das die Frauen benachteiligt. So trug ihr Aktivismus
entscheidend zur Gesetzesänderung bei, die den Männern künftig im
Scheidungsfall die Zahlung von Alimenten aufzwingt.
Shirin Ebadi bekennt sich als «praktizierende islamische Frau».
Sie hält Islam, Menschenrechte und Demokratie für durchaus
miteinander vereinbar. Allerdings ist nach ihren Vorstellungen eine
neue Auslegung der islamischen Lehren unerlässlich. Ihre Auszeichnung
gibt der Reformbewegung in Iran starken Auftrieb. Die Erzkonservativen
des Regimes hingegen müssen dies als harten Schlag ins Gesicht
empfinden.
FRÜHERE TRÄGERINNEN DES FRIEDENSNOBELPREISES
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1997 |
Jody Williams |
USA |
Kampagne gegen Landminen |
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1992 |
Rigoberta Menchu |
Guatemala |
Menschenrechte, Urbevölkerung |
|
1991 |
Aung San Suu Kyi |
Burma |
Menschenrechte, Demokratie |
|
1982 |
Alva Myrdal |
Schweden |
Atomare Abrüstung |
|
1979 |
Mutter Teresa |
Indien |
Linderung der Armut |
|
1976 |
Betty Williams,
Mairead Corrigan |
Nordirland |
Friedensfrauen |
|
1946 |
Emiliy Greene Balch |
USA |
Internationale Friedensfrauen |
|
1931 |
Jane Adams |
USA |
Internationale Friedensfrauen |
|
1905 |
Bertha von Suttner |
Österreich |
Friedenspublikationen |
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KOMMENTAR
Aus dem Schatten geholt
WALTER LÜTHI
Die Kriterien, nach denen das Osloer Komitee den
Friedensnobelpreis vergibt, sind für Aussenstehende nicht immer
ganz durchschaubar - zumal dann, wenn nicht eine Persönlichkeit
von internationaler Ausstrahlungskraft mit dem prestigeträchtigen
Preis ausgezeichnet wird.
Diesmal ist es die Iranerin Shirin Ebadi; 1992 hiess die
Trägerin Rigoberta Menchu, 1991 wurde Aung San Suu Kyi
ausgezeichnet: Frauen, die - von den Medien kaum wahrgenommen -
einen nicht unmittelbar zu messenden Beitrag für die
Menschenrechte, für Gerechtigkeit und Frieden geleistet haben: in
dem von den Generälen geknebelten Burma; in Mittelamerika für
die geknechteten und an den Rand der Geschichte gedrängten
Ureinwohner; im - im Namen der schiitischen Religion
drangsalierten - Iran.
Das sind nur einige Beispiele unerschrockener Frauen, die erst
mit der Verleihung des Nobelpreises ins Rampenlicht der
Weltöffentlichkeit getreten sind. Ihr Engagement erhielt damit
das Prädikat der «Nachhaltigkeit». Mit der Ehrung Suu Kyis sind
zwar Burmas Generäle nicht abgetreten, aber die Öffentlichkeit
nimmt die Vorgänge in dieser Diktatur seither schärfer wahr als
zuvor. Und Rigoberta Menchu hat Guatemala aus seinem
Hinterhof-Dasein gerissen: Die Ehrung erhält Bedeutung über die
Preisträgerinnen hinaus - eine, wenn auch nie vom Preiskomitee
explizit eingestandene, politische Botschaft.
Das trifft auch auf die Iranerin Shirin Ebadi zu. Den die
Gesellschaft erstickenden Streit zwischen den Reformern um
Präsident Khatami und den Hütern von Khomeinis Erbe wird die
Auszeichnung Ebadis zwar nicht beenden, und er wird die von der
Jugend und Intellektuellen geforderte Demokratisierung nicht
beschleunigen. Aber die Auszeichnung selber kann bereits eine
sachte Öffnung des geschlossenen Systems bewirken.
Darüber hinaus enthält die diesjährige Vergabe eine weitere
Botschaft: eine kulturpolitische. Shirin Ebadi ist die erste
Muslimin, die den Friedensnobelpreis erhält. Das Komitee setzt -
vielleicht unbewusst - einen versöhnlichen Kontrapunkt zu Samuel
Huntingtons harscher These vom «Kampf der Kulturen». |
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